Bedeutende Persönlichkeiten aus dem Kreis Gerdauen

Theodor Gottlieb von Hippel (der Ältere)

Er wurde 1741 in Gerdauen als Sohn des dortigen Schulrektors geboren und ist als Begründer der deutschen literarischen Humoristik, als geistiger Vorgänger Jean Pauls, bekannt geworden. Die "Lebensläufe nach aufsteigender Linie, nebst Beilagen A.B.C." sind der erste deutsche humoristische Roman, der sich außerdem durch landschaftliche und gesellschaftliche Schilderungen auszeichnet. In seinen Büchern "Über die Ehe" (1774), "Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber" (1792) und "Nachlass über weibliche Bildung" (1801) trat er mit großem Eifer als einer der ersten in Deutschland für die Gleichstellung der Frau ein. Seine Schrift über Gesetzgebung und Staatenwohl, gewissermaßen sein politisches Glaubensbekenntnis, enthält Grundsätze, die nicht lange darauf durch die französische Revolution vielfach zur Tatsache gemacht wurden. Auch als Dramatiker hat er sich mit einigem Geschick versucht. Sein einaktiges Lustspiel "Der Mann nach der Uhr" fand seinerzeit viel Beifall, u. a. bei Lessing. Von Hippel war mit Hamann und Kant befreundet, der ihn seiner Klugheit und seines allumfassenden Geistes wegen einen "Zentralkopf" nannte. Zuletzt war er Geheimer Kriegsrat und Stadtpräsident von Königsberg (Pr.), wo er auch im Jahre 1796 starb.

Theodor Gottlieb von Hippel (der Jüngere)

Der Neffe von Theodor Gottlieb von Hippel d. Ä. wurde 1775 in Gerdauen als Sohn des dortigen Pfarrers geboren. Im Hause seines Onkels in Königsberg (Pr.) genoss er eine strenge Erziehung. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaft an der Königsberger Albertina trat er mit 19 Jahren bei der Regierung in Marienwerder als Auskultator ein. Mit 24 Jahren wurde er Land- und Kreisjustizrat mit Sitz und Stimme in der Kriegs- und Domänenkammer. Daneben bewirtschaftete er das ererbte Gut Leistenau. 1810 zog ihn Hardenberg als Mitarbeiter zu seinem Reformwerk heran. In seinem preußischen Kabinett wurde von Hippel 1811 Staatsrat. Er wirkte bei der Erhebung Preußens gegen Napoleon im Jahre 1813 mit und verfasste den berühmten Aufruf "An mein Volk !" Anschließend wurde er Chefpräsident der Regierung in Marienwerder und 1823 Präsident der Regierung in Oppeln.

Seine umfangreiche Gemäldesammlung ging in den Besitz der Stadt Königsberg (Pr.) über. Herzliche Freundschaft verband ihn mit dem gleichaltrigen E. T. A. Hoffmann, an dessen dichterischem und musikalischem Schaffen er regen Anteil nahm. 1843 starb Theodor Gottlieb von Hippel d. J. in Bromberg.

Dr. jur. Wilhelm Steputat

Geboren 1868 in Bokellen. Er gab in den Jahren 1901/02 zwei Schriften heraus: "Das Baupolizeirecht" und das "Straßen- und Verkehrsrecht". Im Ersten Weltkrieg, als Rittmeister beim Tilsiter Dragoner-Regt. (litauisches) Nr. 1 Prinz Albrecht von Preußen, gab er einen litauischen Sprachführer für die Truppe heraus, aufgelegt beim Verlag "Lituania" in Tilsit. 1891 erschien im Reclam-Verlag sein "Deutsches Reimlexikon". Nach einer Neubearbeitung 1963 sind die Ausgaben heute noch Bestandteil im Programm des Reclam-Verlages. Im August 1921 wurde Dr. Steputat zum Landespräsidenten des memelländischen Landesdirektoriums ernannt. Nach dem Handstreich der Litauer im Januar 1923 musste er der Insurgentenregierung im Memelland weichen. Später übernahm er das väterliche Adl. Gut Bokellen. Dort starb er im Januar 1941.

Julius Freiherr von Braun

Geboren 1868 in Annawalde. Von 1902 bis 1922 war er letzter königlich-preußischer Landrat des Kreises Gerdauen. Von Anbeginn seiner Amtszeit an stand die Förderung aller Wirtschaftszweige des Kreises im Mittelpunkt seiner Arbeit. Besonders bleibt sein unermüdlicher Einsatz zur Beseitigung der Kriegsschäden nach dem Ersten Weltkrieg unvergessen.

Joachim Freiherr von Braun

1951-1974 Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des "Göttinger Arbeitskreises"

Dr. Wolf Freiherr von Wrangel

Geboren am 21.10.1897 in Waldburg, Kreis Gerdauen. Nachdem er als junger Mann aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen war, hatte er Jura in Göttingen und Königsberg studiert, war in den preußischen Verwaltungsdienst eingetreten (Regierungsassessor in Köslin) und am 16.09.1932 kommissarisch sowie im Dezember 1932 als Regierungsrat endgültig zum Landrat in Mohrungen ernannt worden. 1935 (November 1936?) mußte er im Zuge der Gleichschaltung dieses Amt aufgeben, weil er sich weigerte, in die NSDAP einzutreten. Während des Krieges war er Offizier und nach seiner erlittenen Verwundung Oberkriegsverwaltungsrat im besetzten Nordfrankreich. Nach dem 20. Juli 1944 war von Wrangel unter dem Verdacht der Mittäterschaft am Sturz Hitlers verhaftet, jedoch bald wieder aus der Haft entlassen worden. Es gelang ihm, mit seiner Familie nach Niedersachsen zu flüchten, wo er 1946 von der britischen Besatzungsmacht als Oberkreisdirektor für Hannoversch Münden eingesetzt worden war. Bereits bald nach Kriegsende 1945 hatte von Wrangel begonnen, Anschriften Heimatvertriebener zu sammeln und so die Gründung der Landsmannschaft Ostpreußen am 3. Oktober 1948 in Hamburg mit eingeleitet. Auch bei der Schaffung des "Göttinger Arbeitskreises" war er Gründungsmitglied und stellvertretender Vorsitzender (1951-1987). 1949 wurde die Landsmannschaft in das Vereinsregister eingetragen, und 1957 ist die Elchschaufel, zu deren Akzeptanz und Beliebtheit er ganz erheblich beigetragen hat, beim Deutschen Patentamt als geschütztes Warenzeichen der Landsmannschaft Ostpreußen e.V. eingetragen worden.

Dr. Wilhelm Casper

Dr. Casper war letzter Landrat des Kreises Gerdauen von 1936 bis 1945. Unter seiner Leitung wurden wichtige Vorhaben zum Allgemeinwohl des Kreises durchgeführt. Es sei dabei erinnert an die Werbung zur Ansiedlung von Industrien am Masurischen Kanal, die Förderung der Ölbaumpflanzung, die Schaffung des Kreishausparks, die Erwerbung des Kreiskrankenhauses und die Entstehung des Gemeinschaftshauses am Banktin-See. Er starb 1999.

Kurt Riechert

Er war Stadtbaumeister von Gerdauen von 1936 bis 1945. Unter seiner Leitung wurden für die Weiterentwicklung der Stadt Gerdauen wichtige Bauten ausgeführt, z. B. der Umbau des Feierabendhauses zum Rathaus, die Stadtrandsiedlung und als letztes Bauvorhaben die Kulturstätte. Diese verdient besondere Erwähnung, denn in diesem Gebäude wurde ein kombinierter Saal für Kino, Theater und Orchester geschaffen. Zu weiteren Aufgaben des Stadtbaumeisters gehörten die Leitung der technischen Nothilfe, die Aufsicht über das ehemalige Arbeitsdienstlager und die Betreuung des Stadtwaldes. Während des Krieges gab er stellvertretend Mathematikunterricht an der Berufs-Landwirtschaftsschule. Kurt Riechert starb 1945 in Gerdauen als russischer Kriegsgefangener. Er wurde auf dem Gerdauener Kirchhof beerdigt.

 

Quellen: "Kreis Gerdauen - unvergessen", 1994, S. 16 f., A. Ambrassat: "Die Provinz Ostpreußen", 1912 und G. Hermanowski: Ostpreußenlexikon, 1996